Lara Pulver & 111 Sekunden


Übersetzung des Artikels Lara Pulver: The infamous 111-second scene with Sherlock that made my career go pop, 15. Juni 2012
Übersetzerin: Elisabeth Lewerenz

Lara Pulver: Die berüchtigte 111-Sekunden-Szene mit Sherlock, die meiner Karriere enormen Schub gab

Lara Pulvers Domina war dem großen Detektiv mehr als eben- bürtig. Sie erzählt Rosamund Urwin über den Dreh der Szene
mit Benedict Cumberbatch und wie diese ihr Leben veränderte.

Falls Lara Pulver genug davon hat über diese Szene zu reden, versteckt sie es sehr überzeugend. Aber der eine Gedanke ihren nackten Auftritt als Domina Irene Adler in BBC1s Sherlock betreffend, den sie nicht ertragen kann, ist dass einige der 2,5 Millionen Zuschauer, die ihn auf dem iPlayer ansahen, jeden Moment der Szene als Standbild gesehen haben könnten. Angesichts dessen schaut sie erschreckt, steckt sich die Finger in die Ohren und singt: „La la la la la, ich will’s nicht wissen.“

Als ich männlichen Kollegen gegenüber erwähnte, dass ich Pulver interviewt hatte, bekamen sie glänzende Augen – obwohl die 31-Jährige auch viele weibliche Bewunderer hat. Und nun erhält sie für die Rolle auch internationale Beachtung, in Form einer Nominierung für die American Critics‘ Choice Television Awards, Seite an Seite mit Jessica Lange, Julianne Moore und Emily Watson.

„Ich habe schon allein deswegen gewonnen, weil mein Name
mit denen dieser Damen vorgelesen wird“, sagt sie. „Es ist so sonderbar. Man weiß bei einer Schauspielkarriere nie was ein- schlägt. Ich habe in einer 90-minütigen Folge mitgewirkt und mehr Leute sprechen mich darauf an, als je wegen irgendetwas anderem.“

Als sie das Skript für „Ein Skandal in Belgravia“ las, hatte sie gerade den Dreh der letzten Staffel von Spooks beendet und war auf dem Rückweg nach Los Angeles, wo die in Kent geborene Schauspielerin lebt. „Es war einer dieser Momente, in denen man denkt ‚dreh den Flieger um! Ich muss diese Rolle spielen‘.“

Die Episode zog bei Ausstrahlung nicht nur fast neun Millionen Zuschauer an, sondern auch 100 Beschwerden. „Ich finde, dass der menschliche Körper etwas ist, das man feiern sollte. Und man sieht ja eigentlich gar nichts. Deswegen haben wir acht Stunden damit verbracht, diese Szene zu drehen. Denn wenn man nur ein winziges bisschen Nippel hätte sehen können …“ Sie bricht ab. „Sie wurde so clever von [Regisseur] Paul McGuigan gedreht, dass es gerade das ist, was man nicht sieht, das die Vorstellungskraft zum durchdrehen bringt.“

Der Dreh der Szene klingt wie ein logistischer Alptraum: „Unsere Produzentin ging die Sache mit der BBC durch – ‚also ihr könnt eine Pobacke unscharf zeigen, aber nicht zwei unscharfe Po- backen.’ Es war irgendwie urkomisch, was sie beachten musste.“

Pulver war für die Szene komplett nackt „wenn man von den Loubotins und den wunderschönen Diamantohrringen einmal absieht“. Den angebotenen selbstklebenden Gel-BH und die Unterhose hatte sie abgelehnt: „In denen fühlte ich mich eigentlich nur unwohler.“

Aber es hing auch mit dem Dreh zusammen: „Paul McGuigan nahm mich zur Seite und sagte: ‚Schau mal, wir werden wahr- scheinlich vierzehn Stunden mit dem Dreh dieser Szene ver- bringen, wenn du das anhast, denn wenn wir auch nur ein bisschen davon sehen, können wir es nicht nutzen.’ Nackt zu sein gab mir etwas mehr Spielraum. Wäre ich nicht genau in Position gewesen, wäre es ansonsten reine Zeitverschwendung gewesen… es wäre so gelaufen: ‚Wir müssen das nochmal machen, wir können ein Stück Gel-BH in Benedicts linkem Auge sehen.’“ Sie gibt zu, dass sie „panische Angst davor hatte sich auszuziehen“, aber fügt hinzu: „Mich in meiner natürlichsten physischen Form, in meiner eigenen Haut, wohlzufühlen, befähigte mich es zu tun’ Ich bin nicht zurückgeschreckt. Ich bin innerlich ein klein wenig ausgetickt, war aber in der Lage meinen Job machen.“

Ist es nicht trotzdem ein bisschen peinlich, sich am Set auszu- ziehen? „Ich hatte diese Identität, hinter der ich mich verstecken konnte. Irene Adler hat kein Problem mit Nacktheit oder ihrer Sexualität. Peinlich war es nicht. Seltsamerweise.“ Ist sie einfach mutig? „Oder dumm.“

Ist Adler denn dann Feministin? „Sie ist eine große Pionierin für Frauen. Sie genießt es vollkommen, eine Frau zu sein. Sie ist sich unsicher und hat Fehler, die sie extrem handeln lassen, aber ich denke nicht, dass sie anti-feministisch ist.“

Pulver sagt, dass die Resonanz auf den Charakter unglaublich war: „Sie ist ein perfekter Spiegel für ihn und manchmal wollen wir nicht in den Spiegel sehen. Ich dachte, Benedicts Fans würden sagen: ‚er kann sich nicht verlieben’, aber das komplette Gegenteil war der Fall. Ich glaube, sie haben unser Zusammenspiel genossen. Wenn es nur um sexuelle Anziehung gegangen wäre, hätten die Leute gedacht: ‚Warum sie? Es gibt schönere Menschen.’

Sie setzt sich selbst herab. Pulver ist sehr schön, mit ihrer fast durchsichtigen Haut und diesen großen, blassen Augen. Sie ist redegewandt, hat Charme und versprüht Sexappeal.

Sie ist zudem unglaublich fit – wir treffen uns im INC Space in Covent Garden, einem Club für Mitglieder aus der Welt der Kunst, wo sie momentan regelmäßig trainiert.

© Daniel Hambury

In einer späteren Szene peitscht Adler Sherlock aus. Cumberbatch – in ihrem Handy als Benedict Cumberwotsit (etwa: Cumberwiebitte) gespeichert – sagte Pulver habe Striemen hinterlassen. „Benedict sagte: ‚Lara, du kannst richtig auf mich losgehen, wenn du willst.’, also habe ich das gemacht.“

Also hat sie Spuren hinterlassen? „Nein.“ Eine Pause. „Also, er hat mir nicht gesagt, dass es welche gab, aber vielleicht hat er nur versucht, ein Mann zu sein.“

Der Schlagabtausch mit Cumberbatch hat die Nachfrage an ihr definitiv gesteigert: „Es war wirklich schwer, meine nächsten Projekte auszusuchen, denn wenn man ein Geschenk wie dieses bekommen hat, was kommt dann als nächstes? Zum Glück wurde mir ein Tschechow-Stück angeboten und im Oktober habe ich »Da Vincis Dämonen« gelesen (ein Drama, das auf Leonardo da Vincis jungen Jahren basiert).“

Die Liebe zu Schauspiel und Gesang entwickelte sich, als sie mit 13 dem National Youth Music Theatre beitrat. Die Zeit, in der sie an der Doreen Bird School „unwillig, widerwillig“ tanzen lernte, bereitete sie auf vier aufeinanderfolgende Jahre voll Auftritten in Musicals vor, von »Miss Saigon« bis »Chicago«. Später ging sie zum Fernsehen, dank Rollen in »Robin Hood« und »True Blood«, bevor sie bei »Spooks« mitspielte. „Sie wollten eine Frau, die sich aus einem rückwärts fahrenden Auto hängen konnte.“

Zu dieser Zeit war sie mit ihrem Schauspielkollegen Joshua Dallas verheiratet, aber sie trennten sich vor neun Monaten nach acht gemeinsamen Jahren. Pulvers Freund ist der schneidige Raza Jaffrey, ein weiterer ehemaliger »Spooks« Star, der gerade Billy Flynn in Chicago spielt. Das Paar ist das neueste aus der »Spooks«-Partnerbörse – Jaffrey war mit Miranda Raison verheiratet, während Matthew Macfayden und Keeley Hawes auch heirateten, nachdem sie sich am Set kennengelernt hatten: „Vielleicht war ja was im Wasserkühler.“

Jaffrey und Pulver trafen sich allerdings nicht während des Drehs – sie hatten sich durch Freunde in Los Angeles kennengelernt: „Raza und ich waren letzten Monat gemeinsam bei den BAFTAS und haben Regisseure und Produzenten [von Spooks] getroffen und sie sagten: ‚Dies ist so seltsam, aber es ist so richtig.’“

Es ist das allererste Mal, dass sie mit einem Freund verbandelt ist: Es hatte etwas sehr Unbehagliches an sich: du kannst nicht die ‚O ja, ich kann kochen und schau mich an, bin ich nicht toll?‘ Dating-Maske aufsetzen. O, verdammt, du weißt schon wer ich bin! Und du bist immer noch hier? Toll. Auf geht’s.“

Pulver hat gerade eine Produktion von Uncle Vanya in Chichester hinter sich (die im Gespräch ist ans West End übernommen zu werden) und dreht nun »Da Vinci’s Demons« in Swansea. Es wird nächsten Frühling ausgestrahlt und sie spielt Lorenzo di Medicis Frau: „Ich würde sie als die Hillary Clinton der Renaissance beschreiben… sie ist der Fels, die stets unter- stützende Ehefrau und eigentlich eine kluge Frau, die ihrer Zeit voraus ist.“

Es gibt außerdem wilde Gerüchte, dass sie der erste weibliche Doctor Who sein könnte. „Steven Moffat und ich haben beide gesagte, dass wir unsere Zusammenarbeit durch und durch genossen haben und dann war ich in Wales und die Medien haben eins und eins zusammengezählt.“ Aber wäre es nicht toll? „Ja und nein. Nicht, wenn es das Ende von Doctor Who bedeuten würde, denn die Fans sind nicht scharf auf einen weiblichen Doctor.“

Irgendwie scheint das unwahrscheinlich. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass Adler wiederkommt. Der Dreh der dritten Staffel beginnt im Januar: „Ich habe keine Ahnung, was Steven und Mark vorhaben. Wenn sie Adler als Ein-Episoden-Phänomen belassen wollen, dann stehe ich völlig hinter ihnen. Falls sie sie allerdings doch zurückbringen wollen, bin ich mir sicher, dass sie es in der am wenigsten erwarteten, dynamischsten Weise tun werden, in der sie es tun können.“