Sea Wall – das Theaterstück

Eine Bühne und ein Mann in Jeans, Poloshirt & Converse-Schuhen – Manchmal alles, was man für ein mitfühlendes und verheerendes Theaterstück braucht.

Eine Besprechung von Ariane.

Foto © Ariane

Foto © Ariane

Als Josie Rourke (damals künstlerische Leiterin des Bush Theatre in London) 2008 für ihre Broken Space Season ein Theaterstück beauftragte, sah sich Simon Stephens (engl. Dramatiker, Port, Punk Rock) der Herausforderung gegen-
über, innerhalb von lediglich drei Wochen ein 30-minütiges Stück für nur einen Schauspieler zu schreiben. Sein Unter-
fangen fiel mit dem Zufall zusammen, dass er sich gerade
im Familienurlaub an der Westküste Frankreichs befand –
was das Setting und die Charaktere von Sea Wall wesent-
lich prägte – und dem Erhalt einer Email von Andrew Scott, nach deren Lesen er beschloss, das Stück spezifisch für ihn
zu schreiben.

Seit seiner Spielzeit am Bush Theatre im Jahr 2008 und am Edinburgh Fringe in 2009 ist Sea Wall für ausschließlich sieben Tage im The Shed am National Theatre wieder in der Original-
besetzung mit Andrew Scott und unter erneuter Regie von George Perrin zu sehen.

Bereits beim Betreten des intimen Theaterstudios werden die Zuschauer von Alex, dem Hauptcharakter in Sea Wall, mit einem Blick oder Lächeln begrüßt, was dem Ganzen bereits ein informelles Gefühl und ein gewisses Extra hinzufügt. Ohne Bühnendesign, Sound- oder Lichteffekte erweckt Andrew Scott die Geschichte des Fotographen, Ehemanns und Vaters zum Leben. Er erzählt von Erinnerungen – an den Beginn seiner Beziehung, an die Geburt der Tochter, an sonnenverwöhnte Urlaube sowie den Auseinandersetzungen mit seinem christ-
lichen Stiefvater.

Doch sein Leben ist nicht so glücklich wie es scheint, denn ohne Vorwarnung erzählt er uns: „There’s a hole running through the centre of my stomach“ – um kurz darauf wieder das Thema auf
die titelgebende Sea Wall zu bringen. Langsam entwickelt sich eine Geschichte, mit Fokus auf einen Urlaub am Meer, und einer Tragödie, welche die Erzählung nur widerstrebend konfrontiert.

Simon Stephens Skript ist geschickt aufgebaut, aber dennoch natürlich. Zum einen versteckt sich die Verheerung bereits in den kleinen Details des Alltags, die uns Alex beschreibt, zum anderen spricht es für Stephens, dass der Höhepunkt des Stücks aus einer Pause besteht, deren Bedeutung jedem im Raum klar ist, Alex aber unfähig lässt, den entscheidenden Satz auszusprechen.

In den Händen von Andrew Scott bekommt Sea Wall Wärme und Humor, und einen besonderen, äußerst raren Funken. Während des halbstündigen Stücks gelingt es ihm eine außergewöhnliche Beziehung zum Publikum aufzubauen, so als würde er jedem von uns persönlich seine Geschichte erzählen. Er zieht das Publikum in seinen Bann, hinein in die Welt von Alex, und man folgt jedem seiner Worte mit Spannung. Den Text bietet er mit vollster Auf-
richtigkeit dar und geht auf das Lachen, die Rufe und Reaktionen des Publikums ein. Diese Beziehung lässt uns mit dem Charakter mitfühlen, und macht Sea Wall zu etwas Besonderem.

Sea Wall ist eine außergewöhnliche, aber dennoch gewöhnliche Geschichte, die uns am Ende mit einem Mann zurücklässt, dessen Leben in nur einem einzigen Moment in sich zusammenfällt, und wie Theaterkritikerin Lyn Gardner schrieb: „You will remember it for the rest of your life“.

Sea Wall ist bis zum 2. August 2013 am NT Shed zu sehen. Für alle die nicht Gelegenheit haben, es live mitzuerleben, gibt es die Möglichkeit den Film für nur £3.50 zu erwerben: seawallandrewscott.com

© Ariane

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