Danny Boyle, Shuffle Festival

ShuffleEin Q&A mit Danny Boyle im Rahmen des Shuffle Festivals am
13. August 2013. Bericht, Foto & Video von Ariane.
English version & several photos: Danny Boyle Q&A

Gestern waren wir beim Shuffle Festival in Mile End, London, um Frankenstein zu sehen und an einer anschließenden Q&A (Frage & Antwort) mit Danny Boyle und den beiden Musikern von Underworld, die den Soundtrack zum Stück schrieben, teilzunehmen.

Shuffle ist ein elf Tage währendes Festival, das Kino, Theater, Musik und Kunst vereint. Die Wahl des Ortes, an dem das Festival stattfin-
det, erschien mir anfänglich recht seltsam:
St. Clement’s Hospital, eine Viktorianische Psychiatrie.
Wieso sollte jemand dort ein Festival abhalten wollen? Aber ich hörte, dass Danny Boyle dort einst nahebei gewohnt und von seinen Fenstern aus auf St. Clement’s hatte blicken können. Diese kleine Info ergab zusammen mit seinem Enthusiasmus fürs Gemeinschafts-
leben, dem Wahren des olympischen Geistes sowie seiner Vorliebe für interessante Drehorte perfekten Sinn. Dank einem Café, einer Bar und diversen Essensbuden, kostenlosen Kurzfilmen und einer Kunstgalerie gab es jede Menge zu entdecken.

Dienstag, der 13. war Olympischer Tag auf dem Festival. Ab 16 Uhr wurde eine Aufzeichnung der Eröffnungszeremonie gezeigt und zu jedermanns Überraschung, stellten Arbeiter und Arbeiterinnen, die bereits in der gleichen Szene an der Zeremonie teilgenommen hat-
ten, die industrielle Revolution auf der Bühne nach. Hier ein kleiner Ausschnitt:


Am Abend lief Frankenstein auf zwei Leinwänden. Das Publikum im Gebäude sah die Version in der Benedict Cumberbatch die Kreatur spielt und Jonny Lee Miller Viktor Frankenstein, während draußen das Stück mit umgekehrter Besetzung gezeigt wurde. Daß beide Versionen zu sehen waren, war kein Zufall wie Danny Boyle erklärte. Er, die Darsteller und das National Theatre haben vereinbart, dass wann immer das Stück öffentlich vorgeführt wird, egal ob in einem Kinosaal oder im Rahmen eines Festivals beide Versionen gezeigt werden müssen.
Zudem können wir uns glücklich schätzen, dass es überhaupt eine Aufzeichnung gibt, da die Schauspieler und Produktionsmitarbeiter der Idee sehr zögerlich gegenüber standen. Ihre Arbeit war gedacht vor einem Live Publikum aufgeführt zu werden und um diejenigen in der letzten Reihe des Olivier Theaters zu erreichen, mussten die Schauspieler alles geben. Im Gegensatz dazu waren die Kameras sehr nahe an der Bühne und jeder Schauspieler weiß, wenn eine Kamera aus nächster Nähe auf dich gerichtet ist, hälst du den Ball flach im Spiel. Beides musste daher ausgeglichen werden und so überließen sie es den Darstellern.

Nachfolgend einige der Highlights des Q&A (falls ihr das Bühnen-
gespräch mit Nick Dear und Danny Boyle saht, wird euch einiges bekannt vorkommen):

Die Idee für Frankenstein:
Nick Dear (Autor des Stücks) und Danny Boyle diskutierten die Idee für das Stück Anfang der Neunziger als sie beide für die Royal Shakespeare Company an The Last Days of Don Juan (Die letzten Tage des Don Juan) arbeiteten. Die ersten Entwürfe lehnten sich stark an den Roman an, bis sie die Idee hatten, das Stück aus Sicht der Kreatur beginnen zu lassen und ihm seine Stimme wiedergaben, die ihm in den meisten Verfilmungen abhanden gekommen war. Nick Dear hatte zu dem Zeitpunkt schon Kinder, wodurch sich die Ent-
wicklung des Stücks beginnend mit der Sichtweise eines Kindes ganz selbstverständlich ergab.

Geburtsszene:
Während den Proben spielten sie mit der Idee einen Pool voll Schleim als Fruchtwasserersatz, um den Sack herum zu haben. Obwohl es toll aussah und funktionierte, mussten sie die Idee aufgeben, da die Bühne danach für die Darsteller zu rutschig gewesen wäre.
Die beiden Hauptdarsteller hatten viel Spaß sich über die Kommen-
tare aus der ersten Reihe auszutauschen, die sie in den 20 Minuten vor jeder Aufführung hören konnten, wenn sie bereits auf der Bühne im Geburtssack hingen.

Das Ende:
In vielen Filmen variiert das Ende, in einigen stirbt Frankenstein, in anderen die Kreatur. Nick Dear und Danny Boyle beschlossen sich an den Roman zu hal-
ten, in dem sich beide Charaktere am Ende in der Wildnis befinden. Als sie beschlossen, dass Viktor und die Kreatur am Ende im Tode verbunden sind, hatten sie bereits den Rollentausch besprochen.

Wechselnde Rollen und Proben:
Danny Boyle übernahm die Idee Benedict und Jonny ihre Rollen tauschen zu lassen von einer Theaterauf-
führung der RSC (Royal Shakespeare Company), die er als Schüler in Stratford sah. In dieser wechselten sich die Hauptdarsteller in den Rollen Richard II. und Bolingbroke ab.
Während den Proben lernten sich die Hauptdarsteller gut genug kennen, um nicht gehemmt zu sein und selbstsicher genug sagen zu können „hey, das ist gut, stört es dich wenn ich das übernehme?“ Aber letzten Endes hatten beide das gleiche Skript und brachten ihre eigenen Eigenschaften in die Rollen ein. Obwohl es einige Male in den Szenen, in denen nur Benedict und Jonny auf der Bühne waren, schief ging. Sie ver-
wechselten ihre Zeilen, was dem Publikum zumeist nicht auffiel, aber Danny Boyle sah wie sie sich gegen-
seitig ansahen und offensichtlich überlegten „wie kommen wir diesmal aus der Nummer wieder raus“.
Der Fairness halber muss man hinzufügen, dass beide Darsteller die gleiche Anzahl an Probeaufführungen für jede Rolle hatten, zwei Pressenächte und zwei NT Live Aufzeichnungen (obwohl das National eigentlich nur eine Version filmen wollte). Wer zuerst als Kreatur auftrat wurde per Münzwurf entschieden.

Um sich auf die Rollen vorzubereiten, wohnten sie u.a. einer Autopsie im St. Thomas Hospital bei, was relativ schwierig zu bewerkstelligen ist, da man dafür die Einwilligung der Verwandten des Verstorbenen be-
nötigt. Aber sie hatten Glück und gerieten an einen
40 Jahre alten Mann, der an einer Überdosis gestorben war und keine Verwandtschaft hatte. Danny Boyle wies das Publikum an dieser Stelle darauf hin, dass jeder einmal einer Autopsie beiwohnen sollte, da dies wirklich außergewöhnlich sei. (Er verriet uns zudem, dass nachdem das Gehirn entnommen wurde, es nicht wieder in den Schädel passt und man daher mit dem Gehirn im Bauch beerdigt wird.)

Underworld und die Musik:
Karl Hyde und Nick Smith waren während den Proben anwesend und arbeiteten eng mit den Darstellern zu-
sammen, wodurch die Musik sich mitentwickelte. Die Schauspieler übernahmen die Musik sehr schnell und begannen dazu zu tanzen. Manchmal hatten die Musi-
ker nur 20 Minuten Zeit eine Melodie zu finden, da diese dann im Anschluss an die Proben sofort ins Skript und ins Rollenheft übernommen wurde.
Danny Boyle wusste sehr genau welche Klänge er für bestimmte Sequenzen haben wollte (speziell in den Bereichen Rhythmus, Geräusche, Musik). Das Stück, dass die industrielle Revolution begleitet, nutze er übrigens als er sich für die Regie der Feiern im Rah-
men der Olympischen Spiele bewarb.

Danny Boyle über Theaterregie:
Du musst die Darsteller auf eine Laufzeit von 8–12 Wochen vorbereiten und sicherstellen, dass sie über genug Energie verfügen was zum Beispiel beinhaltet, dass ihre Körper und Stimmen geschützt werden, da-
mit sichergestellt ist, dass sie bei jeder einzelnen Auf-
führung ihr Bestes geben können. Im Gegensatz dazu, sagst du ihnen beim Film nur, gebt alles und das jetzt!
Während den Proben entsteht eine Verbundenheit zwischen dir und den Darstellern, sie brauche dich als Regisseur. Aber sobald sie vor das Publikum treten, sprechen sie anders mit dir und schubsen dich im wahrsten Sinne des Wortes weg. Wenn du ihnen zum Beispiel Anmerkungen gibst, reagieren sie plötzlich mit „naja, bei allem Respekt…“. Aber das ist in Ord-
nung, denn nun geht es um sie und ihre Verbindung zum Publikum. Wenn du noch für eine Sache taugst, dann die nach drei Wochen zurückzukehren und zu sehen wie brillant es sich in der Zwischenzeit ent-
wickelt hat.

Danny Boyles Rat an ehrgeizige Schauspieler:
Wenn du verrückt genug bist es zu versuchen, wirst du deinen eigenen Weg finden es zu erreichen, was auch immer das sein mag. Aber es gibt keine allge-
meingültige Antwort, da es sich für unterschiedliche Leute unterschiedlich gestaltet. Und Leute, die es aus den falschen Gründen machen (Ruhm, Geld etc.) wer-
den es am ehesten aufgeben, da es sich um harte Arbeit handelt.