Lucifer Box ermittelt

Eine Buchbesprechung von Maike Duddek.

Mark Gatiss: The Vesuvius Club

Bei Tag ein gefeierter Künstler und flotter Dandy, bei Nacht ein Schwerenöter und tödlicher Geheimagent! Das, meine Damen und Herren, ist Lucifer Box… und erfunden hat ihn unser herzallerliebster Actor, Writer & Strangler, Mister Mark Gatiss.

Ich bin eher zufällig über Mark Gatiss‘ literarisches Werk gestolpert, aber dann ging alles ganz schnell. Da die deutsche Ausgabe nicht mehr neu im Buchhandel erhältlich ist, habe ich fast eine Woche sehnsüchtig auf mein gebrauchtes Mängelexemplar gewartet – und sobald es in meinem Briefkasten war, sofort damit begonnen, es zu verschlingen. Ich muss ehrlich sein, wenn nicht Mister Gatiss dieses Buch geschrieben hätte, hätte ich es mir vielleicht nicht „auf gut Glück“ gekauft. Aber wie bei so vielen Büchern und Filmen in meinem Leben – ich komme wegen eines Menschen und bleibe wegen des Werkes in seiner Ganzheit. Hier ist es nicht anders gewesen.

Kurz zum Plot: Es ist 1907 in London, und wir begleiten Lucifer Box, einen jungen Mann, der ein Doppelleben führt. Während er für die breite Öffentlichkeit „nur“ ein erfolgreicher Portraitmaler und dekadenter Dandy mit so einigen Kerben im Bettpfosten ist, arbeitet er auch als Geheimagent für die Krone – mit Lizenz zum Töten, versteht sich. Box wird beauftragt, das seltsame Ableben mehrerer Vulkanologen untersuchen, und alle Wege führen nach Neapel. Am Fuße des Vesuv stellt Box fest, dass der Fall mehr Dimensionen hat, als zunächst angenommen, und er muss einen Knoten aus erotischen Intrigen, Schmuggel und eine die ganze Welt bedrohende Verschwörung entwirren. Und dazwischen sein Liebesleben nicht zu kurz kommen lassen. Sex, Drugs & Crime, und davon nicht zu wenig.

Der Roman liest sich fast schon wie eine grelle Comicverfilmung. Der rasante, sarkastische Stil kreiert höchst visuell eine abwechselnd morbide, dunkle und dann überaus bunte Atmosphäre. Ich fürchte, der deutschen (meiner Meinung nach zu flapsigen und unoriginellen) Übersetzung sind einige Wortspiele zum Opfer gefallen, so etwa „Sie heißt Knight, Mrs Midsomer Knight.“ – „Ist sie denn ein Traum?“ …die Shakespeare-Anspielung funktioniert im Deutschen leider nur sehr mäßig. Ich muss die Originalausgabe lesen, um mir wirklich ein Bild vom Schreibstil machen zu können.

Ich habe von Anfang an zwar kein literarisches Meisterwerk erwartet, aber der kurzweilige Roman hat mich keinesfalls enttäuscht: actionreich, voller unerwarteter Wendungen, mit amüsanten Anzüglichkeiten und einem Ich-Erzähler, in den man sich schon ein bisschen vergucken muss. Intelligent, sarkastisch, erotisch. Fast wie das Ergebnis einer wilden Nacht zwischen James Bond und Oscar Wilde. Wenn mir jetzt nur noch einfallen würde, an wen er mich optisch erinnert mit seinem schwarzen Haar, den langen blassen Fingern, den kühlen Blauen Augen, dem schönen Mund und Wangenknochen, an denen man sich „die Pulsadern aufschneiden“ könne…

Die englische Ausgabe und die Graphic Novel (gezeichnet von Ian Bass) sind bereits unterwegs zu mir. Und ich kann mir gut vorstellen, dass „The Vesuvius Club“ als Verfilmung hervorragend funktionieren würde. Bis dahin: am besten im Original lesen und sich dabei die Traumbesetzung denken.

Die Originaltitel der Trilogie:
The Vesuvius Club, The Devil in Amber, Black Butterfly.
Die englischen Hörbücher wurden von Mark Gatiss selbst eingelesen.

Die ersten beiden Bände erschienen auf Deutsch, von Andreas Heckmann übersetzt:
Im Auftrag Seiner Majestät: ein Dandy ermittelt (Blanvalet, 2006)
Die Bernsteinverschwörung: ein Dandy ermittelt (Blanvalet, 2007)
Beide Bücher sind vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

LuciferBox

2 Gedanken zu “Lucifer Box ermittelt

  1. Vielen Dank für den Tipp, hab mir „The Vesuvius Club“ grad bestellt und bin schon sehr gespannt darauf.
    Hoffentlich komm ich mit meinen überschaubaren Englischkenntnissen zurecht 🙂

  2. Ich war völlig fasziniert von Witz, Sprachstil und Dynamik mit dem dieser Roman daherkommt. Gut, ich kann nicht nachvollziehen, das durch die Übersetzung einiges auf der Strecke bleibt, aber es gibt so viele bissige Bemerkungen und wundervolle Wortwendungen, das es für ein höchst amüsantes Leseerlebnis völlig ausreicht. Schon klar wo das Wunschdenken des Verfassers hinging, als er sich seine eigene Form von Sherlock Holmes gekreuzt mit James Bond und Oscar Wilde schuf und diesen völlig vorurteilsfrei durch aller Betten toben ließ. Trotzdem würde ich davor warnen, allzu intensive Vergleiche zu ziehen. Klar, sind die beschriebenen körperlichen Merkmale sehr auffällig. Wer sieht bei den – Wangenknochen an denen man sich die Pulsadern aufschneiden könnte – nicht die ideale Verkörperung derselben vor sich. Aber trotzdem bin ich mir sicher, das Mark Gatiss durchaus vermag zwischen seinen Figuren zu unterscheiden – noch dazu da die Idee zu diesem Roman weit vor Sherlock entstand.
    Das Finale des Romans enttäuscht, bei allem vorigen Spass, dann doch ein wenig. Aber das ist eine persönliche Einschätzung. Denn auch wenn in der gesamten Geschichte natürlich der Realismus arg überzogen daherkommt – so ist doch alles mit einem Augenzwinkern nachvollziehbar..bis..naja bis eben der Schluss.
    Leider erliegt Mark Gatiss genau diesem Schema auch in seiner zweiten Lucifer Box Geschichte – die für mich zu einer solchen Enttäuschung wurde, das ich es bis heute nicht geschafft habe sie zu Ende zu lesen. Dieses mal scheint er an Indiana Jones sein Herz verloren zu haben – aber so was funktioniert bekannt nur bei Indiana Jones.
    Aber das sollte keinen davon abhalten Lucifer Box erst einmal kennenzulernen und mit ihm zusammen durch rasante Abenteuer und wilde Sexescapaden zu schlittern. Und wenn ich eines verfilmt sehen möchte, dann die Konferenz dieses Gentleman mit der ‚Lizenz zum Töten‘ mit seinem Geheimdienstchef, während beide auf dem Klo einer öffentlichen Toilette sitzen.
    Wer besonderen Spass an dieser Lektüre haben möchte sollte unbedingt dem Ratschlag auf der Einbandhülle folgen und diese Buch zum Reisen nutzen. Lest es im Bus, im Zug oder Flugzeug – bevorzugt in einem überfüllten Abteil. Ihr werde erst ein stilles Glucksen und dann ein schalendes Lachen nicht unterdrücken können und jeden in Euer Nähe in neugierigen Neid erstarren lassen.

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