Steven Moffat & Mark Gatiss

Highlights aus dem Gespräch mit Mark Gatiss und Steven Moffat, 25.04.2015

Wie einfach war es der BBC die Serie schmackhaft zu machen?
Mark: Es passierte ziemlich schnell. Wir gingen hin, um die Idee anzubieten und kamen nicht weiter als ’Sherlock heutzutage’ und sie sagten ja. Es war recht unkompliziert, aber die Idee enthält auch eines der bekanntesten Markenzeichen der Welt. Es gab einige kleinere Diskussionen über verschiedene Dinge. Zum Beispiel fanden sie Sherlock nicht sehr nett.

Wolltet ihr mehr Cliffhanger so wie bei »Doctor Who«?
Steven: Wären die Episoden 60 min lang, wovon wir zuerst ausgingen, hätten wir das wohl gemacht. Aber die BBC wollte, nachdem sie den Pilotfilm sahen, 90-minütige Filme. Ich denke immer, es auf 90 min hochzusetzen, ließ es besser funktionieren. Ich erinnere mich daran, Wallander anzusehen, und mir fiel das Verhältnis von Umfang und Inhalt auf. Dadurch, dass wir 90 min zur Verfügung hatten, konnten wir Mycroft und Moriarty schneller mit einbeziehen… es bedeutete für uns, Inhalte nicht aufschieben zu müssen.

Wie wurde Sherlock ausgewählt?
Mark: Benedict war einfach derjenige welche. Ich drehte einen Film mit ihm, »Starter For 10« und kannte ihn daher ein wenig. Sue und Steven sahen ihn in »Atonement«. Und dann war es einfach einer dieser Momente, in denen wir völlig übereinstimmten, dass er passt. Und somit war es vollkommen logisch ihn zu kontaktieren und ihn lesen zu lassen; und er war perfekt. Es dauerte ein wenig länger, Martin Freeman zu finden. Wir sahen sechs Doctor Watsons, unter anderem Matt Smith.

»Sherlock« hat ein unverwechselbares Element. Die graphischen Darstellungen. Stammen die von euch?
Steven: Inzwischen ja, aber bei The Great Game, in dem sehr viele SMS vorkamen, kam Bob die Idee. Er hasst die Kameraeinstellung auf ein Telefon, da man dann die Kamera eine ganze Zeitlang auf das Handy richten muss. Ich erinnere mich daran als er meinte, wie es wäre Text ins Bild zu integrieren und dass ich sagte ’es klinge Scheiße’. Dann lief ich am Schnittraum vorbei als er gerade damit experimentierte und dachte, es sieht fantastisch aus. Ich wartete darauf, ob es anderswo auftauchen würde.
Mark: Immer wenn ich eine Aufnahme eines Handys sehe, fühlt es sich altmodisch an. Wie zum Beispiel in »House Of Cards«. Ich finde, sie sollten auch einfach Text verwenden, da es soviel Zeit spart.
Steven: Bei der Pressevorführung der Serie »Cucumber« traf ich Russell T. Davis, der mir erzählte, sie hätten es verwendet. Ich meinte, ’gern geschehen’ und er sagte, ’ich geb dir £10 dafür!‘.
Mark: Ein großer Anteil ist Charlie Phillips zu verdanken, ein wunderbarer Mensch und großer Erfinder.
Steven: Ich lernte Charlie bei einer Sendung namens »Jekyll« kennen. Sue stellte Paul [McGuigan] und Charlie einander vor und sie passten perfekt zusammen. Wir sahen einen Sherlock hinter der Kamera, der Details vollständig erfasst, wohin er auch blickt. Er sieht Informationen und Schreckliches.
[Anm. Anne: »Jekyll« stammt aus Stevens Feder.]

Gab es essentielle Elemente, die in Staffel Eins vorkommen mussten?
Mark: Sie mussten jünger als normalerweise dargestellt werden. Und es musste von Anfang an erzählt werden, was großartig war, da es so selten gezeigt wird – das allererste Treffen. Eine wesentliche Richtung gaben die Originalgeschichten mit dem Gebrauch von Kriminaltechnik vor. Etwas, das damals noch nicht so geläufig war.
Steven: Wir wollten, dass sich Sherlock wohl in seiner Haut fühlt. Jemand, der das Leben genießt. In anderen Adaptionen sah man Sherlock als manisch-depressiv und unglücklich. Wir dachten es wäre an der Zeit, in die andere Richtung zu gehen. Jeder mag ihn für einen schrecklichen Mann halten, aber er ist glücklich umher zu laufen, während er mit John Fälle löst und die beide die Zeit ihres Lebens verbringen. Sie lieben es.

Ich liebe die erste Szene, in der er mit der Reitpeitsche hereinkommt und anfängt auf eine Leiche einzuschlagen.
Mark: Das war aus dem Original. Bestimmte Teile der Originalgeschichten werden nie gezeigt.

Steven: Die Bezeichnung ’consulting detective‘ (beratender Detektiv) stammt auch aus dem Original.

Mrs. Hudson und Lestrade…?
Steven: Bei Doyle variiert Lestrade ganz schön. Aber wir übernahmen einen Hinweis aus der tollen Geschichte ’Die Sechs Napoleons‘. Er sagt dort zu Sherlock, ’Sie denken, wir sind neidisch, aber Sie irren sich, wir bewundern Sie. Und sollten Sie zum Yard kommen, so gäbe es keinen Mann, der ihnen nicht die Hand schütteln würde‘. Er ist ein Mann, der versteht wie gut Sherlock eigentlich ist. Er ist schlau genug, um zu begreifen, dass Sherlock klug ist. Er ist ein wirklich guter Polizist und bewundert Sherlock. Und Sherlock ist zu stoffelig, um es zu bemerken. Als John Lestrade fragt, warum er sich das gefallen lässt, sagt Greg, dass er denkt, Sherlock könne ein großartiger Mann sein. Er versteht wie erstaunlich Sherlock ist und wie gut er sein kann; und Sherlock nimmt noch nicht einmal Notiz davon, dass der Mann ihn bewundert.
Mark: Wir wollten ein herzliches Umfeld. Es ist ein großer Fehler anzunehmen, dass alle immer am Streiten wären. Sie würden niemals zusammenbleiben, wenn sie sich gegenseitig nicht ausstehen könnten. John und Sherlock haben ihre Auseinandersetzungen, weil Sherlock unerträglich ist, aber wir wollten, dass die anderen Menschen in seinem Umfeld, mit ihm zu tun haben wollen. Wenn Sherlock nicht da wäre, wäre es Gregs Sendung. Er ist der beste Detektiv, den Scotland Yard zu bieten hat. Das sagt Sherlock Holmes im Original. Mrs. Hudon spielt eine größere Rolle in unserer Fassung. Im Original ist sie fast wie Geist. Über die Jahre haben wir eine Vorgeschichte für sie entwickelt.

Wie habt ihr die drei Geschichten für die erste Staffel ausgewählt?
Mark: Es erschien uns logisch im ersten Film mit dem Kennenlernen anzufangen. Danach wollten wir eine Code Geschichte und Jim Moriarty hineinbringen. Für die zweite Staffel, sahen wir uns die Originalgeschichten durch und entschieden und für drei der bekanntesten.

Mit Moriarty habt ihr einen grandiosen Bösewicht.
Steven: Ein Problem mit Moriarty war, dass Conan Doyle ihn so genau gezeichnet hatte. Daher beschlossen wir, eine andere Richtung einzuschlagen und die Leute zu überraschen. In der viktorianischen Zeit hatte man Angst vor organisiertem Verbrechen. Dadurch wurde ein Verbrecher von Moriartys Kaliber als Gefahr für die Allgemeinheit betrachtet. Wir dachten, wir machen eine Art Selbstmordattentäter aus ihm, denn das ist das Gesicht des Terrors in unserer heutigen Zeit. Er ist geistesgestört und bösartig und würde sich umbringen, um zu gewinnen.
Mark: Andrew war unglaublich im Casting. In seiner Darstellung kam alles zusammen. Die gänzliche Gestörtheit hatte einen gewissen Charme.
Steven: (scherzhaft)Die große Frage ist in Bezug auf Sherlock und Molly ist doch… hat sie? Ich finde es schauderhaft daran zu denken, dass diese wunderbare Frau tatsächlich mit Jim Moriarty geschlafen haben könnte. Wie geht man damit um? Sollte sie mit Sherlock zusammenkommen, wie würde sie das Gespräch darauf bringen? Am besten drehen wir eine Episode, die nur das behandelt und in der sie die beiden miteinander vergleicht… (mit hoher Stimme) ’Ähm, nun, du bist besser…’

Die Beziehung zwischen Sherlock und Mycroft ist brillant. Ich denke, er ist ein toller großer Bruder. Er kümmert sich wirklich.
Mark: Das ist es. In Billy Wilders Film »Private Life of Sherlock Holmes« ist ihre Beziehung stacheliger, aber man spürt Sorge und Zuneigung. Am Ende ist es wundervoll. Es ist sehr reserviert, aber kommt offensichtlich vom rechten Fleck. Die Grundidee ist, dass Mycroft der Eismann ist und seinem kleinen Bruder beibringt wie man sich seiner Gefühle entledigt, aber Sherlock schafft das noch nicht ganz. Und Mycroft möchte, dass sein Bruder ihm mehr ähnelt. Aber das wünscht er sich aus Liebe zu seinem Bruder, er will ihn damit schützen.

Als Sherlock von Dach in Der Reichenbachfall springt, steht das Wort ’pathological’ auf dem Boden. War das Absicht oder Zufall?
Mark: Das war so. Es gibt viele solcher Fragen. Aber wir hatten nur drei Stunden, um die Szene zu drehen und keine Zeit anzuhalten und London neu zu bemalen. Es ist nur Zufall, aber ein passender.

Wie würdet ihr die Beziehung zwischen Sherlock und Mary beschreiben?
Steven: Im Original verstehen sich Sherlock und Mary sehr gut. Wo auch immer sie in Filmen auftaucht, wurde es als schwierige Beziehung dargestellt. Aber warum sollten sie sich nicht verstehen? Uns gefiel die Idee sehr gut, dass Sherlock und Mary sich auf Anhieb mögen. Es gab viele Dinge, die wir letztlich nicht verwendeten, zum Beispiel, dass sie bei Sherlock Geigenunterricht nimmt, und John nichts davon weiß. Sie sind einfach gut befreundet.
Mark Er mag sie, daher merkt er nicht gleich wer sie ist.
Steven: Als wir Scandal verfassten, dachten wir, was wäre wenn Sherlock einfach recht hat? Gefühle, Zuneigung, Liebe, Begehren, all das vernebelt seinen Verstand, also bleibt er dem fern. Bei Irene und Mary ist Sherlock nicht zu gebrauchen. Er erkennt nicht, was mit Mary und Irene ist. Er hat recht. Zuneigung kann er nicht in sein Gehirn lassen.

Quellen:
»Sherlocked talk transcript: Rupert Graves and Lars Mikkelsen« von saziikins.
»Mofftiss Panel« von cuoreridente
Falls jemand ein Foto hat, dass hierunter verwendet werden dürfte, würde ich mich sehr freuen!