Something is rotten…

Diese Besprechung von Maike Duddek erschien zuerst am 19.05.2015 beim Bücherstadt Kurier.
Vielen Dank für die freundliche Genehmigung der Zweitverwertung!

Düstere Zelebrierung des Zerfalls

Kino? Hirnlose Blockbuster ohne Anspruch! Theater? Einschläfernd und unzeitgemäß! Beides zusammen? Kann unmöglich funktionieren! Von wegen! Buchstaplerin Maike hat sich am vergangenen Donnerstag im CinemaxX Bremen Hamlet angesehen und ist fasziniert von der morbiden Aufführung. Die NT Live-Übertragung des international gefeierten Stücks aus dem Theater des Londoner Barbican Centre wartet mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle auf, doch das ist nicht der einzige Grund, warum sich ein Besuch lohnt.

Die Grundhandlung von Shakespeares Hamlet (1603) sollte zur Allgemeinbildung gehören: Der dänische Prinz Hamlet trauert um seinen ermordeten Vater. Der Mörder ist niemand anderes als Hamlets Onkel Claudius, der den Thron an sich reißt und Hamlets Mutter zur Frau nimmt. Vom Gespenst des Vaters heimgesucht, sinnt Hamlet nach Rache und versucht, Claudius ein Schuldeingeständnis abzuringen. Währenddessen droht Hamlet dem Wahnsinn zu verfallen, und nicht nur er. Familien und Nationen schreiten unaufhaltsam einer Tragödie entgegen.

2015 © Johan Persson

2015 © Johan Persson

Brüchigkeit und Zerfall durchziehen das ganze Stück: Hamlets, aber auch Ophelias Familie zerfallen, während sie gegen den Wahnsinn kämpfen und verlieren. Nationen drohen unterzugehen, da Dänemark kurz vor dem Krieg mit Norwegen steht. Und auch Komik und Ernst stehen in einer unbequemen, fatalen Nähe – so sorgen Hamlets Phasen des Wahnsinns für Lacher – etwa, wenn er sich in einem Spielzeugschloss gesäumt von Nussknackerstatuen verschanzt, nur um innerhalb von Sekunden vom kindischen Trotz zu verstörendem Ernst und Verletzlichkeit zu wechseln. Doch nicht nur Cumberbatchs Leistung ist hervorzuheben. Ciarán Hinds spielt den Claudius als strengen Patriarchen, der zwar zum Schluss Reue durchblicken lässt, für den es aber kein Zurück mehr gibt. Und Siân Brooke als Ophelia sorgt für Gänsehaut und unbehagliche Rührung, bevor sie, von Trauer und Wahn gebrochen ins Wasser geht.

2015 © Johan Persson

2015 © Johan Persson

»To be or not to be…«
Das Bühnenbild beginnt minimalistisch, weitet sich aber zur überlebensgroßen Opulenz eines Sissi-Filmes aus. Doch es ist immer düster, erfüllt mit einer Aura des Morbiden. Schattenspiele und aufwändige Lichteffekte sorgen für eine schaurige Grundstimmung.
Der für das NT Live typische Schnitt und eindrucksvolle Special Effects lassen die Grenze zwischen Theater und Film stellenweise verschwimmen. Schnellt fällt auf, dass die hauptsächlich militärischen Kostüme und die Requisiten anachronistisch zusammengewürfelt scheinen. Aber das stört nicht, im Gegenteil: Es wirkt wie eine weitere Erscheinungsform des Zerfalls scheinbar fester Kategorien. Das Stück folgt dem Original und ist daher dominiert von der Elisabethanischen Sprache. Doch an die gewöhnt man sich – auch wegen der Untertitel – recht schnell. Die schauspielerische Leistung gleicht etwaige Textschwierigkeiten für die Zuschauer allemal aus.

Übertragungen des National Theatre Live sind eigentlich immer sehenswert und ziehen durch aufwändig produzierte Theater-Kino-Hybriden ein bunt gemischtes Publikum an. Diesmal liegt es wohl vor allem an Cumberbatch, dass das Stück ein Kassenschlager wird – was sich schon an den Vorverkaufszahlen des eigentlichen Theaterstückes zeigt – aber seine Leistung rechtfertigt auch den Hype. Teenager mit Reclamheften, aufgeregte Cumberbatch-Fans und mutmaßliche Theatergänger in feinem Zwirn füllen den Kinosaal.

Fazit: Die Atmosphäre eines klassischen Theaterstücks und die Faszinationen eines schaurigen Blockbusters ergänzen sich in NT Live Hamlet sehr gut. Shakespeare findet hier ein junges Publikum. Wer kann, sollte sich die Wiederholung von Hamlet oder ein anderes Stück von NT Live im Kino ansehen – genügend Sitzfleisch und ausreichende Englischkenntnisse vorausgesetzt.

National Theatre Live: Hamlet. William Shakespeare.
Regie: Lyndsey Turner. Sonia Friedman Productions.
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, Anastasia Hille, Siân Brooke.
200 Minuten. OmU. UK, 2015.

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