Von rechts nach links zurück zum Anfang – Sherlock als Manga

Eine Besprechung von Maike Duddek.

Lange musste Deutschland darauf warten! Jays Manga-Adaption von »Sherlock« ist im Frühjahr bei Carlsen Manga erschienen. Der erste Band der Reihe, »Ein Fall von Pink«, bringt uns zurück an den Anfang der Erfolgsserie. Aber nur, weil der Inhalt derselbe ist, sollte man sich dieses visuelle Highlight nicht entgehen lassen.

So geht Sherlock Holmes im 21. Jahrhundert: Gerade aus dem Afghanistankrieg zurückgekehrt, macht John Watson die Bekanntschaft des charismatischen, aber soziopathischen Detektivs Sherlock Holmes. Sie sind mehr als Mitbewohner: Gemeinsam ermitteln sie in einem Kriminalfall, der die Polizei ratlos macht. Ist die mysteriöse Selbstmordserie, die die Bevölkerung verunsichert, vielleicht ein Serienmord? Bald gerät Sherlock selbst in Gefahr…

Wenn inhaltlich dasselbe dargestellt wird, warum sollte man überhaupt diesen Manga in die Hand nehmen? Reicht es nicht, die Episode erneut anzuschauen? Aus dem Grund, weil es nicht dasselbe ist! Nur, weil derselbe Inhalt in der gleichen Chronologie erzählt wird, heißt das nicht, dass nichts Neues geboten wird. Im Gegenteil: Die Erzählform und der charakteristische Zeichenstil eignen sich den Inhalt an und machen daraus etwas, das für sich stehen kann. In der Transformation vom Film zum Manga gibt es immer neue Blickwinkel und Bedeutungsebenen. Welche Einstellungen zeigt Jay? Welche Details bekommen wie viel Raum in den Panels? Wo die Filmepisode auf ein festes Format festgelegt ist, gibt Jay ein eigenes Tempo und eine neue Gewichtung der Details vor. Und tatsächlich ist der Inhalt nicht ganz gleich. Die Dialoge sind nicht dieselben der deutschen Synchronfassung – Gandalf Bartholomäus‘ Übersetzung bringt neue Nuancen zum Vorschein. Wie auch die Serie gibt der Manga keinen Einblick in das Innenleben der Figuren. Mit einer Ausnahme: Sparsam eingesetzt, aber umso wirkungsvoller schreibt Jay Johns Gedanken aus, wo sie sonst nur in Martin Freemans Mimik abzulesen sind: „Alle Farben waren verblasst. Doch eines Tages […] war da dieser merkwürdige Kerl. An jenem Tag kehrte die Farbe in mein Leben zurück.“

Für Fans der Serie gibt es in Jays Zeichnungen eine Menge zu entdecken. Die Schauplätze sind fein recherchiert, so sind etwa die 221B oder diverse Orte in London originalgetreu in Schwarz-Weiß-Nuancen rekonstruiert. Gerade die Details, die die Verwandlung der realen Menschen in Manga-Figuren betreffen, verblüffen. Dies geht über bloße vorlagengetreue Darstellung von Kostümen oder Haaren hinaus, um den Wiedererkennungswert der Figuren zu steigern. Auch als Mangafiguren sind alle SchauspielerInnen gut getroffen: Die Gratwanderung zwischen Vereinfachung und Akzentuierung der wesentlichen Merkmalen glückt Jay meisterhaft. Die gelegentliche Übertreibung der Mimik, etwa Sherlocks verschmitztes Grinsen, wenn es um Mordfälle geht, verstärken das komische Potential der Szenen der Serie. Immer wieder sticht die Wiedergabe von Cumberbatch heraus, die nicht nur Fangirls freuen wird. Seine Leberflecken, der dunkle Fleck in der rechten Iris, das stets enge, gespannte Hemd – Jay hat seine Hausaufgaben gemacht!

Fazit: Jays »Sherlock« ist mehr als nur ein neuer Aufguss derselben Story. Für Manga- wie Sherlock-Fans gleichermaßen ist der erste Band der Reihe einen Blick wert, da die Neuerzählung in charakteristisch japanischer Form hervorragend funktioniert und neue Impulse gibt.

Fazit: Sherlock. 1: »Ein Fall von Pink«.
Drehbuch: Steven Moffat, Mark Gatiss.
Manga: Jay.
Aus dem Japanischen von Gandalf Bartholomäus.
ISBN 978-3-551-72884-5, 212 Seiten, €12,99 (A: €13,40)
Carlsen Manga 2017.

Sherlock. 2:
Der blinde Banker
erscheint am 01.08.2017.
ISBN 978-3-551-72885-2, 196 Seiten, €12,99 (A: €13,40)

Sherlock. 3:
Das große Spiel
erscheint am 28.11.2017.
ISBN 978-3-551-72886-9, 244 Seiten, €14,99 (A: €15,50)